Dienstag, 19. August 2008
The Dark Knight
Vor etwa zwei Jahren kam einmal der berüchtigte letzte Film der Batman-Reihe im Fernsehen. Inszeniert von Joel Schumacher präsentierte sich das bonbonbunt-dämliche Machwerk derart albern, dass ich einfach nicht länger als 15 Minuten zuschauen konnte. Als ich wegzappte wusste ich, warum Batman Tot war. Er war bedeutungslos geworden, dämlich, witzlos.

Doch wir kennen natürlich die Kinogeschichte und die Neuauferstehung von Batman durch Regisseur und Drehbuchautor Chrisopher Nolan, der mit Memento seinen Durchbruch feierte. Und ja, Batman Begins, war ein hervorragender Film, realistischer und näher an unserer Welt als jede andere Superhelden-Verfilmung davor. Konnte Nolan das noch toppen?

Ja.

The Dark Knight dürfte als der Klassiker der Reihe in die Geschichte eingehen, der aller Wahrscheinlichkeit nach vom dritten Teil einfach nicht getoppt werden dürfte. Zu gut ist die Geschichte, zu packend die Figuren, zu fesselnd das Drama und die Dilemmata. In dieser Hinsicht ziehe ich gut und gerne einen Vergleich von dieser neuen Batman-Reihe mit der alten Star Wars Reihe . Auch der erste Star Wars Film wurde zu einem Klassiker, auch wenn nicht zu meinem persönlichen. Der zweite Teil war in jedweder Hinsicht besser als der erste und wird zu Recht von vielen als den Besten aller Star Wars gelobt. (Was danach geschah, wissen wir dank diesem lächerlichen Zelluloid-Aufwasch namens „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ natürlich nur zu gut.)

Während Nolan mit Raz Algul im ersten Teil einen im verfilmten Batman-Universum gänzlich neuen Bösewicht ins Rennen schickte, so hat er dieses Mal einen guten Bekannten aus dem Grab geholt – The Joker. Und eines kann ich mit Fug und Recht behaupten: dieser Joker ist wahrlich der beste (Comic-)Bösewicht, den die Welt je gesehen hat. Die Darstellung von Heath Ledger stellt die von Jack Nicholson in jedweder Hinsicht in den Schatten und zeigt zumindest mir, dass der erste Joker eigentlich eine harmlose Witzfigur war. Dem alten Joker hätte ich gelegentlich widersprochen. Dem neuen nicht.

Und auch in der Positionierung der Figur geht Christopher Nolan einen konsequenten Weg. Denn dieser Joker hat keine Hintergrundgeschichte wie der Alte. Nolan verzichtet bewusst auf einen Versuch, diese Figur und ihre Vergangenheit zu erklären, so wie es Tim Burton getan hat. Im Gegenteil. Nolan entzieht uns bewusst jegliche Begründung für sein Verhalten, das in der Vergangenheit zu finden wäre. Er positioniert damit den Joker als genaue Antithese zu Batman, der gerade aus der Vergangenheit und seinem Trauma seines Alter Egos entstanden ist. In einer wunderbar intensiv gespielten Szene erfahren wir scheinbar, was diesen Menschen zum Joker machte, um nur wenig später eine völlig andere Geschichte zu hören. Diese Idee des Drehbuchs macht zwei Dinge deutlich: zum einen zeigt es einen Psychopaten der einfach „ist“ und es keine Rolle spielt wie er „wurde“. Und zum anderen zeigt uns der Drehbuchautor Nolan, dass er ohne Probleme uns irgendetwas hätte vorsetzen können, wenn er nur gewollt hätte.

Joker ist in diesem Film durch diese Reduktionen eine nahezu mystische Figur, eine reflektierte Fratze im Spiegel der Gesellschaft. Er ist das Chaos, die Perversität, die auf den zweiten Blick im kalten und wirtschaftlich-professionell wirkenden Gotham City offenbar wird und jedem mitreißen kann.

Dieser Aspekt wird durch Harvey Dent wunderbar verdeutlicht. Wie Joker in einer Szene sagt, braucht es dank der Schwerkraft oft nur einen kleinen Schubs, um etwas ins rollen zu bringen, und bei Dent hat der Schubs gewirkt. Ähnlich wie bei Bruce Wayne ist es der Verlust eines geliebten Menschen und die Machtlosigkeit, die ihn verändern. Im Gegensatz zu Bruce Wayne führt diese Veränderung aber zum Schlimmeren und zeigt, wie schnell Batman zu einem bösen hätte werden können. Harvey Dent ist damit nicht unbedingt eine Antithese, sondern eher ein Beispiel für ähnliche emotionale Wunden, die jedoch zu einem völlig anderen Ergebnis führen.

Bei der Figur von Harvey Dent / Two Face muss ich auch hier wieder eines festestellen: noch nie wirkte diese Figur so bedrohlich wie in Dark Knight. Vorbei ist die Zeit von lächerlichen Kostümen und einem übertriebenen kindischen Ansatz, diese Figur zum Leben zu erwecken. Vorbei auch dieses übertrieben dargestellte „Böse“, dem man seine Comic-Herkunft deutlich ansehen konnte. Was ich bereits über den Joker gemeint hat, gilt auch hier: dem Two Face von Tommy Lee Jones hätte ich wohl widersprochen. Diesem hier nicht.

Und auch in Bezug auf das Gesicht von Two Face ist Christopher Nolan zum Glück unglaublich konsequent. Wir kennen Two Face vor allem als jemanden, dessen eine Gesichtshälfte „etwas“ verunstaltet aussieht, sprich eine verätzte Haut besitzt. Dies ist natürlich sowohl den Comics geschuldet, die nicht zu „grafisch“ sein dürfen, als auch den alten Effekten und deren vergleichsweise begrenzten Möglichkeiten. Doch dank der Computertechnologie sehen wir nun einen wahrlich verunstalteten Two Face, ein Gesicht, das bis auf die Knochen heruntergebrannt ist. Es war tatsächlich ein kleiner Schock, dieses Gesicht zu erblicken, vor allem dann, wenn man eine bestimmte Erwartungshaltung diesbezüglich besitzt (angesengte Haut). Doch auch hier muss man sagen: es funktioniert, sowohl visuell als auch inhaltlich. Wenn Joker der äußere Spiegel ist, die weithin aufgemalte und sichtbare Fratze, so ist Two Face das in uns allen Verborgene; der grausame Teil, der in uns allen liegt. Am Ende könnte man auch verbilligt sagen: die visuell dargestellte Doppelmoral.

Und die Moral ist eines der Themen, das in die Geschichte von Dark Knight eingewoben ist. Der Spiegel namens Joker tötet und ist sadistisch in jedweder Hinsicht. Aber gleichzeitig heckt er so ausgefallene und durchdachte Pläne aus, um den Menschen vor allem eines zu zeigen: bei der geringsten Eruption lassen sie ihre Ansichten auf dem Scheiterhaufen der Geschichte zurück um auch zu gnadenlosen Monstern zu werden. Die Geschichte mit dem Hospital, die Sache mit den Fähren. All das sind wunderbare Kunststücke Jokers, die aus der Forschungsabteilung einer Universität der Sozialforschung hätten stammen können. Und in dieser Hinsicht begibt sich dieser neue Film endgültig in eine neue Sphäre vor, in die sich sonst keine Superhelden-Verfilmung gewagt hat: er hat echte Konflikte und echte Dilemmata. Batman ist jemand, der außerhalb des Gesetzes steht, aber auch er hat Prinzipien. Soll er sie vergessen? Wen soll er retten? Soll er sich ergeben, um Menschenleben zu retten? Soll er töten, oder gar foltern?

So viele kleine und große Unsicherheiten hat es in keinem Blockbusterfilm davor jemals gegeben. Es gab, wie zum Beispiel in Matrix, immer eine klare Seite, die es zu besiegen galt. Das stimmt natürlich auch für diesen Film. Aber die andere Seite kann hier nicht besiegt werden, egal was der Held Batman auch versucht. Er kann den Untergang scheinbar nur herauszögern, das Böse nur temporär verschwinden lassen und wirkt dadurch verletzlicher und auch kleiner als alle anderen Helden vor ihm. Wir haben hier definitiv keinen langweilig strahlenden Superman. Während bei diesem die Welt am Ende mehr oder weniger in Ordnung ist, so bleibt am Ende von Dark Knight niemand unbeschadet zurück. Jeder hat etwas verloren und der scheinbare Sieg ist so hohl wie in sonst keinem Film in diesen Tagen. Er lässt einen zurück mit einem gefallenen Helden, der das Richtige getan hat und doch auf der anderen Seite steht. Alleingelassen von der Gesellschaft die er zu retten versuchte. Joker hat wahrlich ganze Arbeit geleistet.

Betrachtet man sich den Film im Kontext der Filmindustrie dann kann einem Hollywood im Moment eigentlich nur leid tun - und sich gleichzeitig dabei freuen. Denn der Film und sein unglaublicher Erfolg müsste den Produzenten eines klar machen: die Menschen wollen packende und auch fordernde Filme sehen. Mehr noch, sie scheinen förmlich danach zu hungern. Was das Fernsehen bereits seit mehreren Jahren praktiziert, nämlich so gut es geht so gute Geschichten wie möglich zu verfilmen, könnte also auch bald im Kino wieder Realität werden. Und über diese Aussicht können wir uns doch nur freuen. Aber wie bereits gesagt, kann einem Hollywood im Moment leid tun. Denn Dark Knight wird einen langen und dunklen Schatten nach sich ziehen. Jeder größere Film, sprich Blockbuster, wird sich ab sofort an diesem Film messen lassen müssen. Vergleicht man rückblickend Iron Man und den unglaublichen Hulk mit Nolans Werk, dann wirken die beiden flach und trotz ihrer guten Drehbücher nicht ansatzweise so interessant oder fordernd wie Dark Knight. Und dies gilt meines Erachtens auch für die X-Men-Verfilmungen, die ja eigentlich gerade solche Dilemmas und Dramen hätten aufzeigen können, aber dieses Versprechen nur begrenzt eingelöst haben.

Dieser Film ist vielleicht wegweisend für die Industrie, aber in jedem Fall einer der besten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Die beste Comicverfilmung ist er allemal. Fordernd, gnadenlos, konsequent. Christopher Nolan hat mit The Dark Knight ein Film abgeliefert, den man gesehen haben muss.

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